Der Künstler als Alchemist

19. August 2016
von schoenthal

Ansprache zur Eröffnung von Mirko Baselgia, Antupada (Begegnung) II vom 14. August 2016
Annina Zimmermann

Kürzlich bin ich mit der Strassenbahn zur Arbeit gefahren. Wie immer stieg ich am Aeschenplatz aus und ging unter den Bäumen in Richtung St. Alban Tor. Da, gleich schräg gegenüber vom St. Alban Tor betreibt John Schmid, Gründer und Spiritus rector der Stiftung Sculpture at Schoenthal, ja auch noch eine kleine Galerie – wo wir übrigens zur Zeit eine schöne Reihe an Ausstellungen zeigen mit “Künstlern aus dem Schoenthal”. Ian Hamilton Finlay macht gerade den Anfang, und bald folgt Andrew Ward. Ich überquerte also vom Aeschenplatz aus die Strasse zum kleinen Park der St. Alban Anlage und sah wieder einmal den Hammering Man.

Eine Feier des Arbeiters
Sie kennen doch den Hammering Man von Jonathan Borofsky? Seit 1989 steht er da vor dieser Bank und holt mit dem Hammer aus – eine Art vergebliches Rudern, wo die Bewegung des Hammers nach unten, gegen das Werkstück genauso langsam von Statten geht wie das Hochziehen des Werkzeuges.

Ich hab’s nachgelesen, was Borofsky zu ihm gesagt hat. Er nannte ihn eine “Feier des Arbeiters”. Er oder sie sei ein Dorfhandwerker, ein südafrikanischer Minenarbeiter, ein Computer Bediener, ein Bauer oder ein Arbeiter in der Luft- und Raumfahrtindustrie. Einer der Menschen, welche die Waren produzieren, von denen wir alle abhängig seien.

Nun weiss ich ja nicht, wie abhängig sie sich gerade von der Luft- und Raumfahrtindustrie fühlen… aber nicht unweit von hier, in Waldenburg, gibt es eine Firma in Messtechnik für die Aviatik…Borofsky sagte das natürlich nicht in Basel, sondern zu einem der vielen weiteren Hammering Men in Seattle. Wir wissen schon, was er meinte: dass wir nicht allzu oft darüber nachdenken, durch wen und wie und woraus die Dinge, von denen wir umgeben sind, eigentlich gemacht sind. Und nicht ganz zufällig wohl müht sich unser Hammering Man in Basel vor einer Bank ab, ein zweiter vor dem Messeturm in Frankfurt.

Borofskys Arbeiter ist ja nicht einfach ein Kommunist, der für einmal die Sichel nicht dabei hat. Anfang der 1980er Jahre machte der Künstler so auf die beginnende Kluft aufmerksam, die sich auftut in einer Wirtschaft, die zum einen Dienstleistungen verkauft, und nur noch zum anderen selbst Hergestelltes

Eine Geste ins Leere
Jean Tinguely hat die Arbeit von Borofsky sehr gemocht. Er liess ja gleich um die Ecke, vor dem Basler Theater auch eine motorbetriebene Figur mit einem Sieb Wasser schöpfen. Wenn man von Tiguelys Fasnachtsbrunnen her zum Hammering Man kommt – das ist auch historisch so, Borofskys Entwurf datiert 1979, mit dem Bau des Fasnachtsbrunnen wurde 1975 begonnen – dann fällt einem an dieser “Feier des Arbeiters” doch sehr auf, wie aussichtslos dieses stete Bemühen ist, eine Geste ins Leere, ohne Zusammenhang, ohne Herkunft und Ziel. L’art pour l’art könnte man sagen: Arbeit fürs Arbeiten. Ein Sysiphos.

Mirko Baselgia also hat im Schoenthal aus dem Schoenthal-Weiher nicht Wasser, aber Lehm geschöpft. Als erstes ist John Schmid selbst mit den Gummistiefeln ins morastige Gelände unseres kleinen Naturschutzgebietes gewatet, um einige Kessel Schoenthaler Boden herauszuziehen. Daraus entstanden dann erste Tests, mit Brennproben in der kleinen Manufaktur von Marc Zumstein in Basel. Marc Zumstein schiebt in seiner Werkstatt im St. Albans-Tal – übrigens gleich unterhalb der John Schmid Galerie, wo Sie Ian Hamilton Finlay sehen könnten – Zumstein schiebt da ja nicht nur hausgemachte, eigene Krüge und Platten in den Ofen, sondern arbeitet oft zusammen mit und für Künstler.

Zwei Tonnen Schönthaler Lehm
Bei Zumstein hat Mirko Baselgia bereits diese zauberhaften Reliefs gemacht, die Sie heute hier umgeben: das Val-Bella, ein Abdruck in Lehm aus Zweigen, die ein “Schoenthal” abbilden (und auch ein bisschen das weibliche Tal, aus dem wir alle herkommen). Oder die Sugegl – die kleinen Sonnen, wie da eine im Osten der Kirche an der Wand aufgeht. Auch die keramischen Platten mit den unterschiedlichen Naturpigmenten sind im Baseler St. Alban Tal gebrannt: Mirko Baselgia nennt sie “Die Haut des Waldes”. Ihre reiche, schorfige Oberfläche bildet im Negativ die Rinde eines Baumes ab, welcher wie ein Rollsiegel im feuchten Lehm seinen Abdruck, seine Spur hinterliess.  Nach den ersten Tests mit Schoenthaler Lehm ging’s dann im grösseren Stil los. Die benachbarten Bauern, Herr Jenni und Herr Blaser, halfen mit Traktor und grosser Baggerschaufel. Und bald häuften sich im Weidestall oben, wo Baselgia als erster von hoffentlich vielen Künstlern im Schoenthal sein Atelier einrichten durfte, über zwei Tonnen braunes Material.

Zwei Tonnen, die fortan ohne Maschinen, mit reiner Manneskraft, verarbeitet wurden. Geschwemmt in grossen blauen Plastik-Fässern, so dass sich das noch nicht zersetzte organische Material abschöpfen liess. Durchs Sieb geschaufelt. Dann in Tüchern zum Austropfen unters Dach gehängt oder – nun schon unter erheblichem Zeitdruck – auf Gipsplatten ausgestrichen, um ihm das Wasser zu entziehen. Erst kräftiges Kneten verbindet die Moleküle zu dieser zähen, plastisch formbaren Masse, die wir aus dem Werkunterricht kennen. Mirko hat sich dagegen gewehrt, dass ich den Lehm im Saaltext hier zunächst als “Dreck” bezeichne. Vielleicht empfindet er das als zu abwertend und erinnert es ihn zu sehr an den “Merda d’artista” von Piero Manzoni, den berühmten Künstlerscheissdreck. Aber glauben sie mir, wenn das Zeug aus dem Boden kommt, dann würde meine Grossmama schon gesagt hat: dreckige Stiefel. Es dauert, bis daraus Werkstoff wird.

Der älteste Baustoff
Lehm ist nicht ganz so wasserundurchlässig wie reiner Ton, da er durchsetzt ist mit etwas grösseren Körner von Sand und Schluff. In feuchtem Zustand ist er formbar, in trockenem Zustand fest, gebrannt erst recht, dann aber auch spröde. Weil er bei Wasserzugabe quillt, schwindet der Lehm beim Trocknen, er schrumpft und die Risse öffnen sich.

Neben Holz und Stein ist Lehm natürlich auch einer der ältesten Baustoffe: Er speichert Wärme und kann Luftfeuchtigkeit absorbieren und abgeben, sozusagen mit uns atmen.

Inspiriert von den Ziegelbrennern, die im 17. Jahrhundert hier im westlichen Teil der Kirche ihren Ofen eingerichtet hatten, hat Mirko Baselgia mit Unterstützung seines findigen Mitarbeiters Claudio Zanetti und erfragtem und angelesenen Fachwissen bald auch mit verschiedenen Ofen experimentiert. Neben dem Buchenholz aus dem Schoenthaler Wald versorgte auch Schreiner Handschin ihn mit Brennmaterial. Und – um die Sache zu beschleunigen – unterstützten den Künstler in den letzten Wochen auch Daniel, Yves und Remo und durften Sie bei Dennerts nebenan den Brotbackofen zu Hilfe nehmen.

Die Ziegel aus in die Form gedrücktem Lehm, die so nun im Weidestall entstanden, an der Luft trocknen zu lassen, dauert nämlich lange. Das Wetter ist unberechenbar. Unter Aufsicht von Hubert Bieneck, der sich Ami del Feu nennt, Freund des Feuers, entsteht auf dem Grasfeld hinter dem Kunststall nun ein Ofen mit Abzug aus Weidegeflecht.

Es schlummert im Boden…
Zurück zum Hammering Man. Wenn man den Töpferton im Versandhandel bestellt, dann kostet das so circa CHF 15.- für zehn Kilo. Fragen Sie Marc Zumstein, der wird vielleicht besser Bescheid wissen, wie der gewonnen wird. Ich vermute jetzt einfach mal: nicht in einem abgelegenen Stall im Jura, und nicht ohne Strom. Mir gefällt daran, dass Lehm eben gewonnen wird, nicht hergestellt. Der ist schon da! Er schlummert im Boden, im von Martin Ott und Jonathan und Mandana Dennert nun gepachteten Boden. Vermutlich bauen auch im Schönthal hier Wespen ihre Nester, nutzen ihn Vögel als Bauplatz für ihre Bruthöhlen, wohnen darin Insekten und Spinnen und Schnecken, von der botanischen Vielfalt des Feuchtbiotops gar nicht zu sprechen.

 

Den Lehm hier im Schoenthal ans Licht zu holen und zwar eigenhändig, fast jeden Kubikzentimeter mehrfach persönlich in der Hand zu halten, zu heben, im Wasser zu lösen, zu drücken, zu kneten , zu formen, in die und wieder aus der Wärme zu lupfen… das muss schon einem Künstler einfallen. Dieser unglaubliche Effort, den Mirko Baselgia unternimmt, um zu erfahren, was hinter, was unter dem sichtbaren Teil des Erdlochs steckt.

Ein alchemistisches Labor
Mirko Baselgia beschreibt seine Arbeit selber manchmal als alchemistischen Prozess. Er nennt den Kunststall ein alchemistisches Labor. Schon in früheren Arbeiten hat er sich mit der Transformation von Werten in andere Materialien beschäftigt. Im Abtsaal gleich nebenan zum Beispiel können Sie die Silbertaler sehen mit den holländischen Tulpenzwiebeln. Diese Verrücktheit, welche die wohlhabenden Holländer in sogenannten Goldenen Zeitalter erfasst hatte, die für einzelne Züchtungen ganze Jahreslöhne ausgaben. Bis die Spekulationen so irreal geworden waren, dass sie für den legendären Crash sorgten.

Die Alchemisten, so sagt man, waren auf der Suche nach der Herstellungsformel von Gold. Die unendliche Wiederholbarkeit, die künstliche Entwicklung eines natürlichen Bodenschatzes hätte für immensen Reichtum und bald auch die bodenlose Entwertung des kostbarsten der Werkstoffe gesorgt.

Während im 17. Jahrhundert die Holländer die Börse entwickelten und die Alchemisten die Pharmazeutik, gruben und brannten die Schönthaler ihren Lehm, wo er als Ziegel bis heute in der Gegend die Estrichböden und Dächer von Kloster und Höfen bedeckt. Die Lehre der vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer klingt bis heute in Mirko Baselgias Lehmgewinnung an, wo der Stoff all diese Stufen durchläuft, als Erde gegraben, im Wasser geschwemmt, an der Luft getrocknet, in Feuer gehärtet wird der Lehm zum Ziegel.

Prozess und Erkenntnisgewinn –und Einsicht in die Grenzen unseres Vermögens
Die Alchemie ist eine frühe Naturphilosophie, eine Art Sinnsuche, eine Grundlagenforschung, die im Resultate wohl weniger die Stoffe selbst verändert hat, als das Denken der Forscher. Nicht das Gold, das die Alchemisten herstellten, hat sie berühmt und wichtig gemacht. Es ist den Prozess, den der Adept durchläuft, seine Erfahrung, sein Erkenntnisgewinn und die Einsicht in die Grenzen seines Vermögens.

Ja hat er denn nun etwas hergestellt: der Künstler Mirko Baselgia und seine Mannschaft?? Vielleicht misst sich die Erfahrung und Erkenntnis, die wir hier als Publikum machen, nicht an einem materiellen Ertrag, nicht an Objekten. Dass Mirko aus Lehm zauberhafte Reliefs herstellen kann – und könnte – die der Sonne, der Landschaft und unseren Erkenntniswegen huldigen, das hat er ja hier schon längst bewiesen. Im Schönthal denkt er darüber nach, aus den getrockneten Ziegeln den Ofen zu bauen, um diese zu brennen. Die gebrannten Ziegel wären zugleich Produkt des Ofens, den sie selber bilden. Der Lehm wäre Ausgangsstoff, Ofen und Produkt (oder anders gesagt: Täter, Zeuge und Opfer) zugleich und würde an einem abgelegenen Ort im Schönthal wieder der Erde übergeben. Man mag diesen Prozess für sinnlos halten, für ineffizient und absurd und eine Verschwendung. Und doch ist es der Weg, den wir alle gehen, Erde zu Erde.

Weder Hersteller noch Dienstleister
Als Künstler ist Mirko weder Hersteller, noch Dienstleister. Er ist weder Hammering Man, noch Banker. Er balanciert entlang dieser Kluft, die unsere Gesellschaft auseinandertreibt.

Beides kann man mit Recht sagen: Er ist ein furchtbar altmodischer Handwerker. Er stellt Unikate her, Einzelstücke oder ganz kleine Auflagen, wie der Hersteller von Massschuhen oder Luxusuhren. Er trifft eine Sehnsucht nach dem Alten, dem Hergebrachten, über Generationen überlieferten, in Vergessenheit geratenen Wissen. Wer so ein Stück zu kaufen vermag, besitzt das Unverwechselbare, das kreative Produkt eines ganz eigenen, besonderen jungen Mannes, die poetische Stimme eines Einzelnen in der von anonymen Herstellern optimierten Wohnlandschaft.

Aber auch das Andere ist wahr: Mirko Baselgia ist als Künstler ein Schneider von des Kaisers Neuen Kleidern. Er hat John Schmid für viel Geld seine eigene Erde zurückverkauft. Was kaufen wir denn, wenn wir uns für Nivea oder Smart oder statt für Colgate für Elmex entscheiden? Crème, Auto, Zahnpasta? Oder eine Geschichte, eine Identität? Wem kaufen wir sie ab, die ELMEX SENSITIVE PROFESSIONAL? Kaufen wir sie ihrer Abrasivmittel wegen? Oder weil sie dank Weisspigment und Werbespot uns Gesundheit verspricht?

So gesehen ist die Kunst der Gesellschaft wieder ein Stück voraus, weil sie uns etwas vermittelt, das weder materielles Gut, noch Dienstleistung ist. Sondern ein Impuls, den Dingen auf den Grund zu gehen, uns aufzumachen, herauszufinden: Was steckt hinter dem Loch in der Wiese?

Fotos: Nic Bezemer