Der Künstler und die Erbse

26. Mai 2016
von schoenthal

Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung Mirko Baselgia, Antupada (Begegnung)
7. Mai 2016

Annina Zimmermann

Lieber Mirko Baselgia, lieber John Schmid, ich danke für das Vertrauen und dafür, dass ich aus – wenn ich so sagen darf – tätiger Distanz Eure Zusammenarbeit miterleben darf.

Liebe Gäste, man hat gebeten, Ihnen die Arbeit von Mirko Baselgia etwas näher zu bringen. Ich versuche das mit einem Märchen. Sie kennen die Erzählung von der Prinzessin auf der Erbse? Ich erzähle hier frei nach Hans Christian Andersen:

Es war einmal ein Abt eines alten Klosters, der viele Jahre in der ganzen Welt herumgereist war, um den wahren, den richtigen Künstler zu finden. Er sollte viel Zeit mitbringen und sich ganz auf den Ort einlassen, seine Werke aus dem Ort schöpfen. Der Abt liess eine Wohnung im Dorf frei räumen und baute in einem seiner Ställe zum Atelier u.

Eines Abends – es lag hoher Schnee – klopfte es an das ehrwürdige Klostertor. Es war verschlossen. Davor stand ein junger Mann, hergereist aus einem fernen Bergtal von unterhalb des Bündner Lenzerhorns.

Er behauptete, der gesuchte Künstler zu sein. Freudig bot der Abt ihm Obdach. Er liess zwanzig Matratzen herbringen und zu einem hoch gestapelten Bett aufrichten und darauf zwanzig Eiderdaunendecken legen.

Eine böse Magd aber legte dem Künstler heimlich eine Erbse unter den Matratzenstapel. Und trotz der zwanzig Matratzen und trotz der zwanzig Eiderdaunendecken erschien der Künstler am nächsten Morgen unausgeruht zum Frühstück. Der Beweis war erbracht: so einfühlsam konnte nur ein wahrer Künstler sein. Der Künstler nahm Einzug im Kloster, brachte Prinzessin und Pudel mit – und seine Empfindsamkeit wurde Gradmesser und Leitlinie für die kommende Zeit.

Sie denken, ich mache mich lustig? Ich mein es nicht so, wirklich nicht. Aber nach bald dreissig Jahren Arbeit für und mit Künstlerinnen und Künstlern denke ich manchmal, dass sie die neuen Aristokraten sind. Nicht nur ihrer legendären Feste wegen und der bunten Turniere am Kunstmarkt. Nicht nur wegen ihres Stilgefühls und dem Sinn für feinen Genuss. Sondern auch, weil die Künstler auf eine Art freigestellt sind und weil ihr Tun und Lassen nicht immer allen unmittelbar einsichtig ist. Sie haben besonders empathische, besonders sensible Antennen, zeigen an, wo sich etwas Neues abzeichnet oder wo etwas nicht ganz stimmig  ist. Sie garantieren der Gesellschaft mit Diplomatie und Weltläufigkeit neue Bezüge und Themen und sie, die Künstler, warnen und verteidigen – auch mal vom hohen Ross aus – wo wir mit unserer Bauernschläue nicht über den nächsten Hubel hinausdenken. Oder das eigene Butterbrot und Milchkontigent.


Zurück zu Mirko Baselgia und seiner Sensibilität. Ich will gar nicht leugnen, dass eine solche Zusammenarbeit auch anspruchsvoll ist – auch für eine immerhin schon 15jährige Institution wie das Kloster Schoenthal. Mirko Baselgia ist ja eingeladen, aus dem Schönthal zu “schöpfen” – und neben dem romanischen Baudenkmal, neben Pigmenten und Buchenholz, dem Lehm des Schönthal-Weihers gehören zum Schönthal eben auch unsere Gewohnheiten.

Dass Sie, werte Gäste, nach zwanzig Jahren wieder durchs romanische Portal schreiten können, zum Beispiel, haben Sie Mirko Baselgia zu verdanken. Unsere Architektur hat das ganz schön auf den Kopf gestellt. Er stärkt neue Bezüge, zum Dorf, zum Atelier im ehemaligen Stall, zum Klosterhof. Und was vorher Empfang und Handbibliothek war, ist nun dem Blick der Eintretenden wieder entzogen wie früher der Chorbereich. Die Räume im Osten, früher Seitenkapellen, wirken wieder als Geheimnis; sie locken mit einem in der Tiefe geborgenem Schatz.

Während andere Arbeiten – Sie haben es gehört – vielleicht nur kurz in der Kirche zu sehen sein werden, so bleibt der Murmeltiergang in Bronze ganz langfristig in der Sammlung des Kloster Schoenthals. In einer Bündner Alpenwiese stellt sich Mirko Baselgia die Frage, was sich wohl hinter dem schwarzen Loch im Gras verberge. Und goss feuchten Zement hinein, grub das Entstandene aus und brachte es nach Neapel in eine Giesserei. Drei der Giesser aus Neapel, drei Bauern vom Hofgut Gross-Schoenthal, der tatkräftige Assistent Claudio Zanetti, Abt John und Künstler Mirko haben letzte Woche selbst Hand angelegt, um die 660 Kilogramm Bronze in die Höhe zu stemmen.

Da schwebt er nun, der Bau eines pelzigen Architekten – und zeigt uns, was wir sonst nie zu Gesicht bekommen: das Äussere eines Inneren. Wir erblicken nicht nur das Unsichtbare, sondern beinahe das Undenkbare: die Aussenseite einer Höhle. Der Titel ‘Endoderm’ (2012-2013) benennt eine innere Haut, eine embriotische Urmasse, aus der sich die Organe erst bilden.

Nebenan hängt noch einmal ein unterirdisches Höhlensystem, dieses Mal nicht 1:1, sondern im Massstab 1:3000. Sie müssen sich vorstellen, ein Zug würde durch eine der Kupferröhren fahren können, die hier in einer Art Mobile von der Decke hängen. Sechshundert Meter unter der Erdoberfläche plant die Nagra diese über 100’000 Kubikmeter fassenden Gänge zur Entsorgung nuklearer Abfälle…. und das meine ich, wenn ich sage, die Künstler würden uns auch mal warnen und verteidigen. Wenn Kupfer nach zwei Jahren schon giftigen Grünspan ansetzt… vertrauen wir dann wirklich darauf, dass sich radioaktives Material über Millionen Jahre schadlos lagern lässt? Gösgen liegt vom Schönthal nur 15 Kilometer entfernt.

Ich könnte Ihnen noch viel erklären und erzählen – denn hinter Mirko Baselgias Arbeiten verbergen sich oft mehrjährige Recherchen. Aber vieles steht sonst auch in unserem Saalblatt, oder im schönen Katalog des Bündner Kunstmuseums, oder im weissen Buch mit dem hervorragenden Essay des Basler Professor Markus Wild. Wild können Sie dieses Jahr noch kennenlernen, er ist einer der Gäste des Begleitprogramms hier im Schönthal.

Es sind aber nicht nur Mirko Baslgias bohrenden Fragen nach unsererm Umgang mit Tieren, mit der Natur, die ihn zu einem der besonderen Künstler seiner Generation machen.

Es ist eigentlich fast noch mehr, dass Sie seine Arbeiten auch intuitiv verstehen können, in ihrer haptischen Schönheit “begreifen”. Sie können beobachten, wie Bienen, statt ökonomisch stereotype Sechseckwaben zu bauen, plötzlich arabische Sternenmuster nachzeichnen. Sie brauchen keine Abhandlung zu lesen über zeitgenössische Viehhaltung – auch wenn ich Ihnen das Buch “Kühe verstehen” unseres neuen Pächters Martin Ott ans Herz lege. Sie werden es schon verstehen, wenn Sie fast andächtig vor den in Alabaster und Onyx nachgebildeten Hörnern eines Stieres stehen. Es wird Sie ein Hauch Melancholie durchwehen, der Atem einer Zeit, wo die mächtigen Tiere noch das Labyrinth von Kreta unsicher machten – und nicht, enthornt und kastriert, vom Schlachter dank schweizerischem Fähigkeitsausweis und Bolzenschuss betäubt darniedersanken.

Sie verstehen die Werke schon, wenn Sie in den keramischen Arbeiten sehen, wie feuchter Lehm und biegsame Zweige sich zu einer Form verbinden, die uns an das Schönthal erinnern – oder an den Schoss einer Frau, den Ort, wo wir alle herkommen. Solche Arbeiten versteht man einfach, wenn man sich auf die sinnliche Schönheit dieses Nachdenkens über die Natur einlässt. “Vielleicht besteht seine Kunst darin, Wahrnehmungen zu verändern”, schrieb heute Annette Hoffman in der Basler Zeitung.

Und falls Sie heute Nacht nicht gut schlafen, keine Ruhe finden… dann hat sich vielleicht die Empfindlichkeit dieses sensiblen Warners auf Sie übertragen. Ich rate Ihnen, dann die Matratze zu drehen. Vielleicht liegt darunter eine tote Biene.

 

Fotos: Nic Bezemer und Heiner Grieder